Austriade II (Empfehlungschreiben [verdeckt])

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MÜNCHEN

In den meisten Fällen ist München für uns die erste Station, wenn es Richtung Österreich geht. Zum einen sitzt in München unser Spediteur, der die Logistik für Österreich organisiert und zum anderen liegen die Wurzeln der Bookfarm im Speckgürtel der Landeshauptstadt. Wenn wir auf dem Mittleren Ring in die Stadt einfahren, am Allianz-Stadion vorbei, vorbei an BMW-Zentrale und Olympia-Stadion, vorbei am O2-Hochhaus und schließlich dem größten Adventskalender der Stadt, der Mercedes Benz Niederlassung vor der Donnersberger-Brücke, dann fallen die Mitarbeiter, die noch nie hier waren, regelmäßig in einen Trance-Zustand. Wenn sie dann auch noch ins „Augustiner Brauhaus“ ausgeführt werden und eine richtige Haxn und einen Maßkrug Bier vor sich sehen, dann ändert sich ihre Lebensplanung umgehend: ich will nach München und einen BMW fahren. „Viel Glück!“, kann man da nur wünschen.

Egal wie der Abend vorher war, der Tag beginnt frühmorgens auf dem Großmarkt. Wenn der Gemüsetürke von gegenüber seine frischen Waren einkauft, holt die Bookfarm ihre Verpackungsmittel für ausgesonderte Bücher: Bananenschachteln. Dimitrios und seine Familie betreiben das „Kisten Paradies“ neben der Resterampe auf dem Münchner Großmarkt. Im Angebot fabrikneue  „Chiquitas“ oder „Golden Bios“. Getrennt von der eingelegten verharzten Folie sind sie eine Freude und die Grundlage für einen raschen Abtransport vor Ort. Dimitrios sei Dank! Zur Aufrechterhaltung weiterer Geschäfte gibt es Morgens um 5:00 Uhr immer einen Uso. Also: „Ya mas!“

SALZBURG

Um diese Zeit ist der sonst immer verstopfte Münchner „Ring“ wunderbar leer. Selbst die Tunnelbaustelle am Luise-Kisselbach-Platz lässt sich herrlich umfahren. Auf der Autobahn geht es gegen die Morgensonne Richtung Salzburg. Am Chiemsee entlang kommen auch bald schon die ersten Berge, Flughafen und BILLA und schließlich, durch den ältesten Straßentunnel Österreichs, dem „Neutor“, in die Altstadt. Wenn die Japaner noch schlafen ist ein Großer Brauner am Residenzplatz die Wahl der Stunde.

Bei unserer Arbeit in den Bibliotheken bleibt tagsüber eigentlich nie Zeit für Irgendwas. Doch die brechend vollen Gehsteige der Altstadt und die vielen Polizisten sind nicht zu übersehen. Alles deutet darauf hin, dass wieder Festspielwochen in Salzburg sind. Vor dem Einlass zum Festspielball versammeln sich die Schaulustigen. Durch kleine Barrieren werden die Gehwege für die Prominenten und die „Festspiel-Schickeria“ frei gehalten. Es gibt kaum noch ein Durchkommen für unsere Transporter. Auf der Staatsbrücke über der Salzach vor der roten Ampel bietet sich ein faszinierendes Bild: Von überall strömen Menschen herbei und werden auf der engen Brücke zusammen geführt: Damen in langen Abendkleidern, stolz schreitende Herren mit Fliege, Touristen, Jugendliche, Kulturbeflissene und Kulturschaffende. Das Ganze bei spätsommerlicher Hitze. Chaostage der Klassik mit mindestens genau so viel Haarspray!

Unsere Abendveranstaltung ist das Brauhaus, Zipfer Brauhaus. Während neben uns die Saubermänner mit großem Gerät die Reste des Grünmarktes auf dem Universitätsplatz entfernen, bringen sich fünf spanische Volkmusikinterpreten gegenüber in Stellung. Sie haben lange schwarze Umhänge mit vielen Stadt- und Länderwappen drauf an, dazu Kopfbedeckungen. Zunächst hört man ihre Musik wegen der lauten Hintergrundgeräusche nicht. Drei Vollverschleierte lassen ihre weißen iPhons aufblitzen und werfen sich beinahe auf die authentischen Musiker – soweit das im Schleier geht. Ein Gruppenfoto rundet diese kulturelle Begegnung in der Salzburger Altstadt ab. Wir bestellen noch ein Zipfer! Irgendwann später wird Salzburg dann aber wirklich atemberaubend. Um Elf ist die Stadt immer noch sehr belebt. Auf verschiedenen Plätzen gibt es Musik-Übertragungen. Wir gehen rauf zur Festung. Ständig kommen wir mit Leuten ins Gespräch. Eine milde Sommernacht in Salzburg. Ohne romantisieren zu müssen: der Vollmond liegt breit und gelb über der perfekt ins Licht gesetzten Altstadt. Von unten klingt Opernmusik nach oben. Ja geht’s noch!!!

Auf dem Terrassengastgarten der Stieglbrauerei bekommen wir durch gutes Zureden noch ein Bierchen. Die deutsche Bedienung aus Frankfurt möchte nie wieder weg. „Die Österreicher sind viel lockerer!“, sagt die junge Frau im Dialekt. Sie empfiehlt uns noch einen Würschtlstand der bis spät aufhat. Da würde sie sich auch immer mit ihren Freunden treffen. Um Mitternacht gegenüber der Festung, gibt es dann einen Käsekrainer. FELIX AUSTRIA! Alles ist fast schon zu schön. Junge Musiker und Nachtschwärmer treffen sich am Stand. Sie sind noch ganz euphorisiert von ihren Auftritten: Barfuß, Wasserspiele, Kontrabasskofer und der glücklichste Würschtlstandbesitzer Salzburgs der sich das Abend für Abend anschauen darf. Durch den noblen Stadtteil Riedenburg geht es auf verschlungenen Wegen zum Hostel. Ein letzte Runde Tischtennis und dann ins Bett. Was für ein Tag!

LINZ

Linz bleibt dieses Mal eine kurze Zwischenstation. In einer Staudengärtnerei frage ich nach dem Weg. Das Alleskönner-Handy ist überhitzt und total entladen. Außerdem muss ich jetzt Datenpakete für 1,99,- kaufen um noch Internet aus dem Ding heraus zu bekommen. Alle verreist, keiner geht ans Telefon. Hitze auf dem BILLA-Parkplatz.

WIENER WALD

Auf der A1 Richtung Wien schalte ich hoch und das Denken runter. Leider geht das Radio nicht. Braucht es aber auch nicht. Längst flirrt es im Kopf. Sommerliche Hitze. LKWs aus 18 verschiedenen Ländern, der alte Transit, Urlauber, Autoschieber und heißer Asphalt.

Im Kloster ist es Zeit für die Abendliturgie. Gregorianische Choräle in lateinischer Sprache. Größer könnte der Kontrast nicht sein. Geistliche die ihr Leben der kontemplativen Vertiefung widmen und hinter jedem lateinischen Wort den Sinn kennen. Das Kloster liegt in einem bewaldeten Tal. Außerhalb der Mauern fängt der Schatten an. Die Kreuzkirche ist nur für Beter.

HARTBERG

Am Abend strande ich bei meinem Freund in Hartberg. Wir sind auf einer mittelalterlichen Burganlage. Überraschend sind bei ihm ukrainische Freunde zu Besuch gekommen. Alle unangemeldet, so wie ich auch. Am Lagerfeuer wird das Gespräch immer lebhafter. Wir trinken Hauswein vom Steinbauern. Der neue Hausfreund Janek beginnt zunächst auf englisch mit ruhiger Stimme über sich zu erzählen. Längst liegen die Kinder den Eltern in den Armen. Es ist spät und hinter der Burgmauer kann man schon das Glänzen des Mondes erahnen. Tag eins nach Salzburg.

Janek zieht an seiner E-Zigarette und wechselt jetzt ins Deutsche. Zu drängend werden unsere Nachfragen, als dass er sie im Englischen befriedigen könnte. Ich schaue meinem Freund ins Gesicht. Auch ihm ist die Besonderheit des Moments bewusst. Als Zwanzigjähriger kam Janek nach Wien. Damals gab es ein kurzes Zeitfenster, in dem das ohne größere Probleme möglich war. Zusammen mit seinen Freunden wollte er nach Australien um dort Tomaten zu züchten. Das war ihr Ziel. Seine Freundin war zögerlich und wollte nicht sofort nachkommen. Also versuchte sich Janek zunächst alleine durchzuschlagen. Als erstes beantragt er ein Visum für Australien. Es wurde ihm gesagt, dass er gute Chancen hat, denn Auto-Mechaniker würden immer gesucht. Leider müsse er aber ein Jahr warten. Anfang der Achtziger war die Situation in Polen nicht bedrohlich. Ihm war es also schwer möglich, einen Asylstatus zu bekommen. Arbeitsrecht bekam er aber auch keins. Deshalb musste er ein Jahr in der Illegalität überleben. Mit dem angesparten Geld mietete er sich ein kleines Zimmerchen und suchte überall nach einem Job. Die Story eines Fremden im Wien der 8oer Jahre. Leider bekomme ich die ganzen Anekdoten gar nicht mehr zusammen. Für ihn war es ein ständiges auf und ab. Er kam als Untermieter bei einer Autowerkstatt unter, musste fürs Essen und wohnen soviel zahlen, dass nichts übrig blieb. Schließlich schaffte er es sich ein altes Auto zu kaufen um Zeitungen auszutragen. Weil er das Auto nicht auf sich zulassen konnte fand er einen alten Säufer und meldete das Auto auf seinen Namen an. Als Pfand gab er seinen goldenen Ring. Als das nicht mehr lief nahm in ein Freund mit auf einen Kärntner Bergbauernhof. Der Bauer, der auch einen Gasthof und einen Skilift betrieb, stellt ihn für einen pauschalen Lohn an. Der polnische Flüchtling Janek bekam irgendeinen Schuppen zum übernachten. Vor sieben schälte er bereits einen Eimer Kartoffeln, danach reparierte er die Lifte, half in der Küche und kümmerte sich um die Viecher. Der Alte war ein Griesgram und die ganze Familie scheuchte er vor sicher her, inklusive Janek.  Besser wurde es als noch zwei Türken angestellt wurden. Endlich war Janek nicht mehr allein in seiner Hütte aus Stein. An einem Abend wollte Janek seine Freunde auf ein Bier einladen. Sie gingen in die Wirtsstube und bestellten nach Feierabend ein Bier für jede Nase. „Der Polake kriegt hier kein Bier.“

Janek mietete sich ein Zimmer im Dorf. Das Jahr war eh bald rum und er dachte an Australien. Schon tat ihm die Bäuerin leid, die jetzt die ganze Arbeit für ihn mitübernehmen musste. Nach ein paar Tagen kamen nacheinander die Kinder des Bauern und schließlich die Bäuerin selbst und baten in die Arbeit wieder aufzunehmen. Unter gewissen Bedingungen kam er dieser Aufforderung nach: Unterbringung im Gasthof, geregelte Arbeitszeit und Bezahlung pro Stunde und nicht pauschal.

Wieder zurück in Wien fing er an zu studieren, schlief zunächst unter Brücken und fand später in einem Industriegebiet ein alleinstehendes Haus auf das er zusammen mit freunden aufpassen sollte. Jetzt erfuhr er auch das seine Freundin für ein Austauschsemester nach Indien gereist war. Mittlerweile waren die Grenzen zwischen Österreich und Polen zu und so war Indien die einzige Möglichkeit sie wieder zu sehen. Er schrieb ihr Briefe, um sein Kommen anzukündigen. Leider kamen sie bei ihr nicht an, wie er später feststellte.

Von München sollte sein Flugzeug direkt nach Bombay fliegen. Doch es gab eine zweitägige Verspätung. Im Wartesaal lernte er eine junge Deutsche kennen, die auf dem Weg nach Goa war. Die zwei Tage vertrieben sie sich in München. Denkt nur an München in den Achtzigern. Schwabing…. Die Flugroute änderte sich: Aufenthalt in Damaskus. 4 Tage. Syrien in den Achtzigern. Orient. Damaskus. Sie konnte Französisch, er Russisch. Schließlich kamen sie in Indien an. Das Hippie-Mädchen aus Deutschland lud ihn nach Goa ein und er suchte seine Freundin aus Polen. Er fand sie mit einem Fillipino im Arm. „Ich war nie Rassist, aber in diesem Moment wurde ich es!“ sag Janek. Er flüchtete von dort.

Jetzt kam er ins Trudeln, geriet in die Fänge einer Art christlichen Sekte. Das Geld ging ihm aus. Er hatte nur noch das Rückflugticket. Zunächst vergaß er die Freundin in Goa, irrte durchs Land und versuchte Geld zu verdienen. Die Geschichte ging noch lange weiter. Viele erstaunliche Einzelheiten. Fünf Mal wollten wir kein Holz mehr nach legen. Janek hat mit seiner ukrainischen Frau zwei Waisenhäuser in Donezk (Ukraine) gebaut. Nun ist er in seinen Sommerferien auf Tour durch Europa und berichtet den Unterstützern von den gemachten Fortschritten. Um zwei Uhr nachts schwenkte das Gespräch dann ins Pragmatische, es ging um Installationen und Warmwasserboiler.

KLAGENFURT

Am nächsten Morgen musste ich es nur schaffen mich ins Auto zu setzen. Alles ging furchtbar langsam, der Kopf brummte. Ein Teil meines Kiefers war leicht angeschwollen. Der neue Tag drang nur ganz langsam ins Bewusstsein. Gegen Mittag musste ich in Klagenfurt sein. Klagenfurt und Wörthersee. Hier war ich das letzte Mal vor zweieinhalb Jahren. Der Abtransport ging schnell und so hatte ich noch Zeit für ein Bad. Die Bibliothekarin hatte mir mindestens zehn verschiedene Geheimbadestellen erklärt. Mein Kopf brummte. Am Südufer hielt ich an einer Stelle direkt neben der Straße. Sie hatte mir gesagt man müsse nur kurz einen kleinen Kanal auf den See hinaus schwimmen. Doch es dauerte eine Ewigkeit. Ein halbe Stunde Schwamm ich an den Sommerhäusern der Klagenfurter vorbei. Bis auf den offenen See schaffte ich es nicht. Außerdem hatte ich leichten Schüttelfrost. Bei einem trinkhallenartigen Imbiss versuchte ich zwei Frankfurter zu essen. Von der Autobahn aus sprach ich mit mehreren Zahnärzten in Völkermarkt. Dabei ging wieder ein Datenpaket für 1,99,- drauf. Alle im Urlaub.

GRAZ

Ein Schmerzmittel machte dann alles positiver. Den Abend konnte ich in Graz verbringen. Erst am nächsten Morgen hatte ich den nächsten Termin. Tag eins nach Indien.

Wieder Schloss und Berg und Schlossberg und Kasematten, Altstadt und Sommer und Sommer in Österreich: Ausblicke, magische Orte, Kulturhauptstadt, Dachlandschaft, Weltkulturerbe, grrrls und E-Card und ein Gebäude wie ein Raumschiff oder wie ein blaues Herz mitten drin im neuen bobo-Viertel. Später Abends ein von der Stadt organisiertes Konzert an der Mariahilfkirche, direkt an der Mur: „Mahala Rai Banda“. Eine rumänische Zigeunerkapelle mit moderner Akrobatik und vollgepumpt mit Adrenalin und Lebensfreude. In Graz beginnt der Balkan.

Die Zahnschmerzen bringen mich um den Schlaf und bis zwölf lässt mich der Zahnarzt warten. Völlig unterzuckert warne ich die blonden Assistentinnen vor meinem niedrigen Blutdruck. Der Betäubungsstich treibt mir die Wut in die Augen: Zahnwurzelentzündung! Minutenlang rufe ich vergebens um Hilfe. Ich bin kurz vorm kollabieren. Der Stuhl muss dringend nach unten gestellt werden damit das Blut zurück läuft. Als es geschieht hängt der Zahnarzt über mir. So einer der zu Frauen Püppchen sagt. Völlig aus dem Zusammenhang gerissen faselt er etwas von Respekt vor der Republik Österreich. Er sagt „Ihr Daitschen!“ und dass ich ihn nicht dafür verantwortlich machen soll wenn er den Zahn verfuscht. Ich nicke. Wieder in Freiheit wanke ich wie benommen zur Apotheke: Antibiotika, Schmerzmittel – jetzt wird alles gut. Mich trennen nur noch 738 km von Leipzig, den Termin sag‘ ich ab.

 

 

 

 

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