Dem Himmel nahe. (Nachtrag von 2003)

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Bukarest

Im Schneidersitz hocke ich vor der grossen Rumänienkarte, langsam fahren meine Finger den Nordosten ab. Nach vier Wochen Bukarest kribbelt es mir in den Füssen – nicht länger sesshaft sondern auf Reisen möchte ich sein. Eine Stadt in den Bergen suche ich. In ein Netz von Höhenlinien gefasst entdecke ich Piatra Neamt (Stein der Deutschen), von dort möchte ich, quer durch die Karpaten wandernd in die Maramuresch, in das vergessene Märchenland Rumäniens.

Wenig später winken Simona, meine Gastgeberin und ich ein Taxi heran. Im Eiltempo fahren wir auf der einflugsschneisenartigen Haupverkehrsader Richtung Gara de Nord, in wenigen Minuten fährt mein Nachtzug nach Piatra. Traurig klebe ich an der Scheibe, jetzt, nach fast einem Monat Bukarest sehe ich hundert kleine Dinge an die ich Erinnerungen knüpfen kann. Aus dem Auto heraus verfolge ich den unmittelbaren Schritt der vorbeigehenden Passanten. In Gedanken laufe ich ein Stück mit, reihe mich wieder ein in den ewig hetzenden Strom der Masse…

Es ist eine abendliche Stunde der vergangenen Zeit. Berauscht und tief Bleiluft inhalierend bleibe ich, eben aus dem Metroschacht gequollen, mit offenem Mund am Piata Romana stehen. Was ich erblicke: Ein dampfender und fauchender Koloss macht die Strasse neu. Tausend hintereinandergeschaltete Bunzenbrenner erweichen den Teer der „Ceausescu-Horizontalen“, dann wird er abgekratzt und frisch duftendes Schwarz aufgelegt, plattgewalzt und fertig, alles mit hundert Meter brodelnder und qualmender Maschine.

Stehende Luft-hupende Taxis. Leute die kreuzen und queren wo sie wollen. Inmitten des Chaos ein Polizist, mit Trillerpfeife und grossartigen Handbewegungen hilft er den Autokolonnen abführen. Schräg fällt die Sonne ein und enthebt dieses komplexe Stadtstilleben der alltäglichen Betrachtung. Das Ganze eingerahmt von Blocks mit roter Leuchtreklame. Ein älterer Herr aus dem siebten Stock schaut zu. Nah am Boden hocken die klebstoffhaien Zigeuner, die eine, noch Kind, hält ein Baby schräg in den Armen, zwei Meter weiter trinkt eine Schöne Jidvei, einen vorzüglichen rumänischen Wein.

Mit dem Verlassen der Stadt verebbt auch das mir schon nicht mehr aufgefallene Rauschen im Ohr. Das regelmässige Du-du-du-du des Schienenbettes wiegt mich in den Schlaf.

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